Einführung in die StrategieNun
kennen Sie also (fast) alle Regeln und Gangarten der Figuren und könnten somit
bereits eine Schachpartie führen. Ohne ein gewisses Grundverständnis über die
möglichen strategischen Ausrichtungen und taktischen Überlegungen und Möglichkeiten
dürfte es Ihnen aber noch schwer fallen, eine Partie auch zu gewinnen. Wir
wollen uns daher im folgenden einige Grundprinzipien eines Schachspiels näher
vor Augen führen. Der FigurentauschIm
Verlauf einer Schachpartie wird es unvermeidlich sein, dass der Gegner Ihnen
Figuren schlägt, und umgekehrt wird es auch Ihnen möglich sein, gegnerische
Figuren zu erobern. Im Idealfall schlucken Sie dabei gegnerische Figuren, ohne
selbst dezimiert zu werden, um somit eine materielle Überlegenheit zu schaffen.
In der Praxis wird es aber immer wieder zum gegenseitigen Abtausch von Figuren
kommen. Sehen wir uns einmal ein Beispiel hierfür an:
Wenn
der Spieler mit den weißen Figuren im obigen Beispiel am Zug ist, so kann er
den gegnerischen Bauern auf e6 schlagen. Nun ist schwarz am Zug und kann
seinerseits den gerade noch erobernden Bauern schlagen. Die Situation stellt
sich dann also wie folgt dar:
Durch
die Eroberung eines Bauern auf jeder Seite ist also wieder ein materielles
Gleichgewicht hergestellt. Auch
in der nachfolgenden Situation handelt es sich um einen Figurentausch: Nach
Dxf6 und gxf6 ergibt sich also folgende Situation: Der
materielle Gewinn für weiß ist also ein Bauer, der für schwarz die
gegnerische Dame. Auch als Anfänger werden Sie vermutlich auf Anhieb erkannt
haben, dass dieser Tausch für weiß sehr ungünstig ist, da die Dame im
Vergleich zum Bauern die erheblich wertvollere Figur darstellt. Doch
wie kann nun im Hinblick auf einen angemessenen Abtausch von Figuren der Wert
der Figuren bestimmt werden? Nach
allgemein anerkannter Auffassung lässt sich der Wert der Figuren – ausgehend
von der „Grundeinheit“ des Bauern als schwächste Figur auf dem Feld - etwa
wie folgt bestimmen:
Die Deckung Natürlich
darf ein Zug in einem Schachspiel nie isoliert betrachtet werden, sondern muss
als Teil einer Serie von Zügen im Zusammenhang gesehen werden. Die Aktion einer
Partei löst immer eine Reaktion des Gegners aus, diese wiederum eine erneute
Aktion der ersten Partei usw. Im Idealfall denkt ein Schachspieler immer einen
Zug weiter voraus als der Gegner, um nach einer Serie von Zügen, seien es fünf,
zehn oder fünfzig Züge, dem Gegenüber eine „Nasenlänge“ voraus zu sein. Sehen
wir uns die nachfolgende Abbildung an:
Es
handelt sich hierbei schon um eine relativ komplexe Stellung, die für den Anfänger
sicherlich zunächst recht unüberschaubar ist. Es ist daher zu empfehlen, diese
Stellung auf einem eigenen Schachbrett aufzubauen und die nachfolgende Zugfolge
nachzuspielen. Wenn
der Spieler mit den weißen Figuren am Zug ist, kann er materiellen Gewinn
machen: 1. e x d4
e x d4 2. Se2 x d4
Se6 x d4 3. Sc2 x d4
Lb6 x d4 4. Da1 x d4
Stellung nach 4. Da1 x Ld4 Weiß
hat also nach der o.a. Zugfolge einen Bauern gewonnen. Welche
Schlussfolgerung kann also nun daraus gezogen werden?
In
der oberen Abbildung wird der schwarze Bauer auf d4 durch vier Figuren angegriffen (d.h.
kann von vier Figuren geschlagen werden, nämlich durch einen Bauern, zwei
Springern und einer Dame. Der schwarze Bauer wird aber nur drei Mal verteidigt
(gedeckt), d.h. droht bei Schlagen mit Rückschlagen. Es fehlt also eine
Deckung, um das Gleichgewicht herzustellen. Wäre in Abbildung 62 schwarz am
Zug, so könnte er durch Dd8 oder Dd7 dieses Gleichgewicht herstellen.
So
wäre es natürlich unsinnig, wie in der nachfolgenden Abbildung bei schwarz am Zug zwei
angreifende Bauern mit Springer und Läufer zu verteidigen, da der materielle
Verlust für weiß größer wäre.
Nun
könnte man natürlich annehmen, dass es als Reaktion immer ausreicht, eine
Deckung aufzubauen, sobald im vorhergehenden Zug ein Angriff erfolgt. Aber so
einfach ist es eben nicht immer:
Scheinbar
kann schwarz in der obigen Abbildung nicht viel passieren, wenn weiß am Zug ist, schließlich
wird der Bauer c6 nur durch einen weißen Bauern angegriffen, gleichzeitig aber
auch durch einen eigenen Bauern verteidigt. Die nachstehende Zugfolge zeigt,
dass es schnell unerwartet kommen kann: 1.
dxc6
bxc6 2.
Dd7 +
Kf8 3.
Dxc6 Durch
das Schachgebot hat weiß eine Figur gewonnen. Es
empfiehlt sich also immer, schon „präventiv“ eine Verteidigung aufzubauen.
Ein sehr anschauliches Beispiel hierfür findet sich auch in der nachfolgenden Abbildung:
Durch
diese Zugfolge macht weiß erneut materiellen Gewinn: 1.
Sf4
Th8 2.
Sd5 +
Kd8 3
Sxb6 Durch
den ersten Springerzug sieht sich schwarz veranlasst, den Bauern auf h5 durch
den Turmzug zu decken, doch der zweite Springerzug führt unweigerlich zum
materiellen Gewinn. Zwar kann durch den Königszug der bedrohte Läufer gedeckt
werden, doch gleichzeitig muss schwarz die Deckung für den Bauern b6 aufgeben. Die
Gabel In
dem Zug Sd2 in der oberen Abbildung sehen wir das Prinzip einer sogenannten „Gabel“:
durch sie werden durch von einer Figur zwei (oder sogar noch mehr) gegnerische
Figuren gleichzeitig angegriffen. Sofern nicht beide angegriffene Figuren
gedeckt sind, führt die Gabel häufig zum materiellen Verlust, da nicht beide
Figuren aus der Gefahrenzone bewegt werden können und oftmals die Deckung
beider Figuren mit einem Antwortzug nicht möglich ist. Der Spieler sollte also
vor solchen Situationen gewarnt
sein.
Grundsätzlich kann eine Gabel mit den meisten Figuren gespielt werden, z.B. dem
Läufer oder dem Bauern, am wirkungsvollsten, weil oftmals auch am überraschendsten,
sind aber i.d.R. die Springergabeln. Die
nachfolgenden Abbildungen zeigen zwei weitere Beispiele für Gabeln:
In
der ersten oberen Abbildung führt bei weiß am Zug g4 unweigerlich zum materiellen Gewinn (nämlich
Tausch eines Springers gegen einen Bauern) und in darunter folgenden Abbildung ist schwarz am Drücker
und zieht Le4 +. Zwar kann weiß das Schachgebot z.B. durch Lc2 abwehren, doch
nun „frisst“ schwarz den Turm auf g6 und tauscht hierfür nur den
geringerwertigen Läufer ein. Die
Fesselung Im
eigentlichen, klassischen Sinne ist eine Figur dann gefesselt, wenn sie zugunfähig
ist, da sie andernfalls den eigenen König einem Schachgebot aussetzen würde.
Die nachfolgende Abbildung veranschaulicht dies:
Hier
wäre jeder Zug des Springers auf c2 irregulär, da er den König durch den
schwarzen Läufer selbst ins Schach stellen würde, dieser Springer ist also
gefesselt. Eine Fesselung kann dadurch beseitigt werden, indem entweder das Ziel
der Fesselung, der König, aus der Gefahrenzone bewegt wird, indem die fesselnde
Figur geschlagen wird oder indem eine Figur zwischen die fesselnde Figur
(schwarzer Läufer) und gefesselte Figur gezogen wird. All dies weiß in der
obigen Abbildung allerdings nicht unmittelbar möglich, ohne Verlust zu erleiden. Die
Situation ist für weiß durchaus nicht ungefährlich. Zwar ist die gefesselte
Figur gleichzeitig auch durch den König gedeckt, jedoch droht schwarz mit Sd5
und im darauf folgenden Zug mit Sb4 einen Doppelangriff auf die gefesselte
Figur. Weiß sollte also Vorsorgemaßnahmen treffen! Allgemein
kann das Motiv der Fesselung weiter gefasst werden und nicht nur auf den König
als Zielfigur beschränkt werden, sondern auf jede höherwertige als die
fesselnde Figur. Auch in der nachfolgenden Abbildung handelt es sich also um
eine Fesselung, da bei Wegsetzen des Läufers ein erheblicher materieller
Verlust die Folge wäre, der unweigerlich zur Niederlage führen würde.
Der
Spieß Ein
der Fesselung ähnliches Prinzip
liegt dem sogenannten „Spieß“
zugrunde, mit dem Unterschied, dass nicht, wie bei der Fesselung die gefesselte
Figur zwischen dem Angreifer und dem eigentlichen Fesselungsziel liegt, sondern
vielmehr eine angegriffene Figur ausweichen muss und dadurch die Eroberung einer
dahinter stehenden Figur ermöglicht:
Schwarz
hat die Dame auf d1 gezogen und verdrängt damit den weißen König von der D-Linie. Dies
aber führt unweigerlich zum Verlust des Turms. Der
Abzugsangriff Ein
für den Angegriffenen zumeist äußerst gefährliches, da oftmals mit
erheblichem Verlust einhergehendes Element ist der Doppelangriff, häufig mit
einem Angriff auf den König (Abzugsschach) verbunden, wobei die abziehende
Figur gleichzeitig eine weitere Figur angreift:
Durch
Lb4 + (oder Lh6 +) wird die gegnerische Dame angegriffen, gleichzeitig bietet
der Turm Schach. Diese Partie ist für schwarz unweigerlich verloren! Das
Doppelschach Eine
besondere Form des Abzugsangriffs ist das Doppelschachgebot. Gleich zwei Figuren
bieten gleichzeitig Schach:
Dies
ist natürlich erneut eine immens brenzlige Situation für schwarz: Durch Sf7 +
ist die Partie verloren. Das Schachgebot des Springers kann nicht mit Schlagen
durch den Läufer abgewehrt werden, da gleichzeitig auch die Dame ein (Abzugs)Schach
bietet. Schwarz bleibt nur Kh7, doch darauf folgt Sg5+ und durch die Gabel der
Verlust der Dame. Das
Opfer Nicht
immer ist das Streben nach materiellen Vorteilen der Schlüssel zum Erfolg. Ein
Übergewicht an Figuren garantiert zwar oftmals einen späteren Sieg, aber oft
genug sind auch Stellungsvorteile ausschlaggebend im Verhältnis zum
figurenreicheren Spiel. Es ist zweifellos eine schachliche Herausforderung, auf
kurze oder gar lange Sicht Material zu opfern, ohne dafür unbedingt einen
sofortigen Gegenwert zu erhalten. Dies erfordert die Fähigkeit zum
Vorausdenken. Wir
werden zu einem späteren Zeitpunkt hierfür Beispiele sehen.
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